Montag, 12. November 2018

kann es nicht

Liebe Freundin,
eine Mail, die ich schreibe und nicht abschicken werde. Jedenfalls nicht jetzt

Und eigentlich hoffe ich, dass ich sie nie abschicke. Weil ich schon jetzt tief atmen muss, wenn ich mir vorstelle, wie du hier liest. Verwundert bist, ungläubig. Mir innerlich den Vogel zeigst und dann anfängst verärgert zu sein. Weil ich eine Deiner wichtigsten Bindungen in Frage stelle. Zweifel äußere, auf Dinge hinweise, die offenbar sind und doch unsichtbar für dich.
Die mir Angst machen, weil ich weiß, wie sehr sie dich verletzen werden, ohne jemals dazu gedacht waren dich zu verletzen. Weil dieser Mensch nicht dir weh tun wollte, sondern sich weh tut. Jedes einzelne Mal in dem eine Lüge seine Lippen verlässt und ein Stück seiner Seele mitnimmt. Die so schön ist, dass sie Lügen nicht braucht. Aber das glaubt er nicht und versucht so zu sein, wie ein "Mensch" in seinen Augen sein sollte.

Und weil das "Mensch sein" ein Mal nicht ausreicht, wurde aus dem einem Tropfen Unwahrheit, aus der einen schönen Lüge, eine zweite und dritte, bis daraus ein Meer wird, in dem Menschen ertrinken. Er sieht dabei zu, wie ein unbeteiligter Zuschauer. Als wäre er nicht die Ursache, sondern ein Spaziergänger, der später erzählen wird, wie furchtbar diese Szene war. Und damit wird der Untergang dieser Menschen zu einer weiteren Geschichte, die sich in seinen Kopf setzt und dort zu einer Art Wahrheit wird.

All das wirst du nicht glauben, weil du liebst. Und wenn du liebst, dann mit deiner ganzen Seele, mit dem, was mir so kostbar ist, weil es einzigartig und verletzlich ist.
Du wirst mir zürnen, mich anklagen und unsere Freundschaft beenden. Weil Du insgeheim dasselbe befürchtest, weißt. Aber zu sehr in den Gedanken dieser hoffnungslosen Liebe verliebt bist, als dass du sie aufgeben kannst.

Und das wäre nicht schlimm, wenn es dich nicht innerlich dazu drängen würde, sie doch Realität werden zu lassen. Mit all der Hoffnung die dich trägt, das Leben überlebbar macht.
Meine Furcht ist, dass du einen radikalen Schnitt machst, alles andere beendest und ihm traust. Seinen Versprechungen, seinen Bildern, euren Träumen.
Den besonders schönen Versprechungen vertraust, die er selber glaubt, in dem Moment, in dem er sie sagt. Und den Mut fasst, deine Welt zu verändern. Alles andere unwichtig wird.

In der neuen Wohnung stehst, mit zwei Gläsern und einem Bett. Wartest
An eine Verspätung glaubst
Auf die Uhr siehst, erst ärgerlich wirst und dann ängstlich. Weil Du an einen Unfall denkst
Versuchst ihn zu erreichen, Telefon, Mail, Whatsapp. Und immer wieder auf Dein Handy siehst
Wartest, auf ein Zeichen, einen Anruf.
Das erste Mal bei Freunden und dem Büro anrufst. Keine Antwort erhältst, niemand erreichst
Und für 1 Sekunde das erste Mal dieser eine schwarze Gedanke aufblitzt: "Was ist, wenn ...?"
Der Angstschweiß kalt im Nacken sitzt, aus Sorge, dass ihm etwas passiert sein muss, denn eine andere Erklärung gibt es nicht. Gleich wird seine Stimme am Handy alles aufklären, Du wirst erleichtert sein, weil das Gespenst aus Deinem Kopf verschwindet. Aber der Anruf kommt nicht.

Erst zwei Tage später, als Du schon längst am Boden liegst, zusammengeprügelt von den Gedanken, kommt diese Textnachricht.
Die, von der du geschworen hast, dass er sie nie schicken wird. Und doch geschickt hat
Das er ein neues Leben mit dir wollte.
Das er sein Leben dafür geben würde, seine Seele.
Aber nicht kann.
Das es ihm leid tut.
Das er versteht, wenn du ihn hasst.
Er dich aber lieben wird, bis ans Ende der Zeit. Und darüber hinaus. Das er noch nie so geliebt wurde und sich danach sehnt, dass es wahr würde für ihn.
Aber er kann nicht

Und er kann wirklich nicht

Denn er ist nicht der Mann, den du kennst. Er ist nur der Mann, der wunderschöne Lügen erzählen kann und seine Seele darin ertränkt hat.

Das würdest du sehen und das kann er nicht. Er kann es nicht aushalten.

All das kann ich Dir nicht erzählen, denn ich würde dich verlieren. Obwohl ich dir Ehrlichkeit versprochen hatte. Ich mache mich damit mitschuldig

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