Montag, 4. Dezember 2017

Vergeben und Vergessen

Ich arbeite daran, nicht erst seit gestern. Und es gibt Fortschritte. Aber es wird schwerer, je länger etwas zurück liegt, dass ich vergeben und vergessen möchte.

Das könnte natürlich auch daran liegen, dass ich es schon so lange mit mir herumtrage. Daran herum denke und es immer wieder als Endlosspule im Kopfkino zeige. Jetzt stellt sich mir die Frage, ob ich das alles noch sehen möchte. Und *eigentlich* möchte ich das nicht, denn es beeinflusst mich schon zu lange.

Also wäre es logisch diese Schubladen zu schließen und dafür mehr Zeit für angenehmere Dinge zu haben.

Es scheitert meist an einem Thema, ich kann da keinen inneren Abschluss unter das Thema mit meinem Stiefvater finden. Den Schritt der Vergebung kann ich irgendwie noch nicht tun, was mich gleichzeitig ärgert, weil ich mich nicht darum reiße mich mit unangenehmen Themen zu beschäftigen.

Trotzdem taucht auf Autofahrten der Gedanke auf: "Lebt er noch?" Und ich versuche ihn über Google zu finden. Was ich machen würde, wenn ich wüsste, wo er wohnt? Manchmal stelle ich mir vor, dass ich ihn anrufe und meinen Frust rauslasse. Würde ich mich aber vermutlich vor lauter Angst doch nicht trauen. Selbst jetzt wüsste ich noch nicht, wie ich mich wehren könnte. Und bin da gedanklich schon wieder dabei ihn größer und bedrohlicher zu machen. Dabei ist er vermutlich inzwischen ein alter Mann und ich muss nicht mehr zu ihm hoch sehen, weil er größer ist, mich einschüchtert, hilflos und klein macht.

Und das soll raus aus meinem Kopf, soll  mein Leben nicht mehr begleiten. Aber ich befürchte, dafür muss ich ihm vergeben können. Was sich schwierig gestaltet


Kommentare:

  1. So einen Abschluss habe ich vor kurzem auch zu einem Menschen gesucht. Mir hat ein Trick geholfen, der eigentlich viel zu einfach war: ich habe mir an einem Samstag die Zeit genommen, diesem Menschen einen Brief zu schreiben. Fünf Stunden lang saß ich an meinem Schreibtisch und habe alles niedergeschrieben, was mir eingefallen ist und ich loswerden wollte. Ich war der festen Überzeugung, den Brief abschicken zu wollen.
    Aber als ich schließlich das letzte Wort geschrieben hatte, habe ich mich erleichtert gefühlt und festgestellt, dass ich die Zeilen gar nicht abschicken muss. Es war okay, wie es eben war. Und ich habe mich entgiftet gefühlt.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Unter der Voraussetzung, dass du das Gefühl hast, dass dir das gut tun würde, halte ich es für durchaus sinnvoll, wenn du deinem Stiefvater deine Gefühle zumutest. Du musst deine Empfindungen nicht in dich hineinfressen. Dein Stiefvater ist ein erwachsener Mann. Er sollte mit den Gefühlen, die er in dir auslöst und ausgelöst hat, umgehen können. Wenn er das nicht kann, ist das allerdings auch nicht dein Problem. Denn du hast, meiner Ansicht nach, jedes Recht, ihn mit den Gedanken und Gefühlen zu kontrontieren, die dich hinsichtlich seiner Person begleiten.

    Was das Vergeben betrifft, ehrt es dich, finde ich, dass du danach strebst. Mir geht es so, dass ich erst vollständig verstehen muss, ehe ich vergeben kann und dazu muss ich mich ausführlich mit den Themen auseinandersetzen.
    Vielleicht könnte das bei dir ähnlich sein?

    Pass auf dich auf, liebe Whimsy.

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    1. Die Idee mit dem Brief ist so nahe liegend, dass ich natürlich nicht darauf gekommen bin (der Wald und die Bäume). Dabei wäre die Schreiberei für mich vermutlich genau richtig. Ganz lieben Dank liebes Muschelmädchen, dass Du deine Erfahrung mit mir geteilt hast!

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  2. Vergeben ist eine gute Sache. Ich bin ein Fan davon - alles andere hätte mich schon längst ins Grab gebracht. Man vergiftet sich ja letztendlich doch nur selbst mit dem Gift, das man dem anderen am liebsten in den Kaffee schütten würde... ;)

    Vergeben war (ist) für mich ein mehrstufiger und langwieriger Prozess. Von den Dingen ablassen und sie im Geiste nicht ständig wiederaufleben lassen. Sie irgendwann gedanklich in den Hintergrund rücken lassen und mich nicht mehr ständig über das definieren, was mal war. Und irgendwann: vergeben - und sei es nur in Teilen. Vergeben bedeutet (für mich) übrigens nicht, dass ich die Dinge gutheiße, die eine Person getan hat. Aber ich empfinde Mitleid mit dieser Person und kann meinen Frieden mit ihr schließen. Was nicht heißt, dass ich sie nun lieben muss. Sie ist einfach nur nicht mehr der Stein in meinem Schuh, der mir jeden Schritt zur Qual macht. Und das ist sehr befreiend. Für den, der vergibt.

    Kompliziertes Thema. Viel Glück auf deinem Weg.

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    1. Du hast sehr viel besser als ich ausgedrückt, worum es mir geht. Die Sache mit dem Gift hatte ich einmal ähnlich auf einer buddhistischen Seite gelesen und das war ein Bild, mit dem ich sehr gut arbeiten konnte. Und ich arbeite daran

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    2. Die Sache mit dem Gift hat mich auch überzeugt und genau da machte es "Klick". ;)

      Vorher war ich immer darauf aus, eine Entschuldigung zu bekommen. Wenigstens ein kleines "Tut mir leid". Oder Erklärungen, weil ich verstehen wollte. Hätte ich netter, klüger, liebenswerter sein sollen, um anders behandelt zu werden? Mittlerweile nehme ich mir die Freiheit, nicht alles verstehen zu wollen - ich habe schon genug wertvolle Lebenszeit mit Dingen verschwendet, die ich nicht ändern kann und manchmal sind mir die Beweggründe anderer schlicht egal. Manchmal bist du einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und triffst auf die falschen Menschen. Dagegen kannst du nichts tun. Allerdings bist du nicht dazu verdammt, lebenslang den Schorf von irgendwelchen Wunden zu frickeln und fortlaufend Gift reinzuträufeln.

      Und wenn ich das so schreiben darf (und ich bitte darum, dass du das so positiv verstehst, wie ich es meine): Du machst auf mich in deinen Posts – und ich lese sie alle ;) - einen seelisch so „aufgeräumten“ Eindruck, dass ich nicht daran zweifele, dass du das hinbekommen wirst. ;)

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    3. Ich nehme das sogar sehr positiv und als Kompliment auf! Wenn auch überrascht, wäre im Traum nicht darauf gekommen, dass ich einen wie auch immer beschaffenen *geordneten* Eindruck hinterlasse.
      Um eine Entschuldigung oder Erklärung ginge es mir dabei nicht, vielmehr darum einmal nicht mehr Opfer zu sein, nicht mehr hilflos zu sein.
      Aber ob die Sache es noch wert ist, damit meine Gedanken zu beschäftigen? Ich hoffe, das ist bald nicht mehr der Fall

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  4. Kleiner Nachtrag vielleicht noch zu meinem Vergebungsprozess: Ich habe die Menschen, denen ich zu vergeben hatte, bewusst nicht(!) mehr mit meinen Gefühlen konfrontiert. Weil sie sich keiner Schuld bewusst waren. Weil sie angeblich nur "mein Bestes" wollten. Weil sie einfach nicht bereit oder dazu in der Lage waren, ihren Anteil an der Situation anzuerkennen und mir die ganze Schuld zugeschoben haben. So kommst du natürlich nicht miteinander ins Gespräch (im Kleinen hatte ich es schon mal versucht und es endete immer damit, dass ich mich hinterher schlechter fühlte als zuvor und mir der Schwarze Peter zugeschoben wurde), geschweige denn, dass du an eine Vergebung auch nur denken kannst. Also habe ich das mit mir selbst ausgemacht und dafür gesorgt, dass keine neuen Grenzübertretungen stattfinden konnten. Damals habe ich gelernt, Nein zu sagen. Selbstliebe und Selbstschutz. ;)

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    1. Die Sache mit dem Nein-Sagen ist ja so ein Ding. Heute könnte ich es vermutlich besser, aber ich bin ja auch nicht mehr gezwungen, mit den Leuten unter einem Dach u leben.

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