Dienstag, 19. Dezember 2017

Wer versteht Frauen

Vielleicht lerne ich nur so, mit Schmerzen.

Eine Kursteilnehmerin rief heute Vormittag an, bat mich um Hilfe. Ihr Verlobter hatte sie wieder geschlagen, das zweite Mal, soviel ich weiß. Auch ihn kenne ich, hätte ihm nicht zugetraut, dass er schlägt. Die Frau, von der er behauptet, dass er sie liebt. So sehr, dass er Konflikte nicht anders als mit der Faust zu regeln vermag.

Bereits als K. mir das erste Mal nicht anders konnte, als mir erklären, woher das gerötete Auge und die blaue Schläfe her rührt, hatte ich ihr meine Hilfe und ein Bett angeboten. Und dann dieser Satz, der mich zur Verzweiflung bringt, der mich wortlos macht: "Das tut ihm doch leid, er hat das nicht so gemeint, er braucht mich doch"
Und weil er sie braucht, deswegen verließ sie ihn nicht.

Gestern Nacht muss es dann schlimmer gewesen sein, sie war endlich bereit Konsequenzen zu ziehen. Also bin ich zu ihr gefahren, um sie mit Hund, Gepäck und Tränen abzuholen, Richtung Schwester. Sie selber hat keinen Führerschein, daher die Unselbständigkeit.

Bei ihr Zuhause dann das totale Chaos, halb gepackte Taschen, gestresste Hunde und eine in Tränen aufgelöste K. Nachdem wir die Hälfte der Sachen verstaut hatten, kommt ihr Verlobter dazu. Versucht erst mit Argumenten und dann mit Verstellen der Tür die Abfahrt zu verhindern. Droht sich und den Hunden das Leben zu nehmen und als das auch nicht hilft, kommt ein bedrohlicher Zug ins Spiel. Als ich zum Auto gehen will, knallt er mich gegen die Tür und versucht K. festzuhalten. Nach der Drohung mit der Polizei wirft er die letzten Tüten selber auf die Straße und wir fahren ab. Nach 5 Minuten muss ich rechts ran, mir ist einfach schlecht und ich zittere selber wie Laub. Und ich bekomme mit, wie er K. schon anruft und anscheinend um eine Chance bettelt. 

Nachdem ich K. abgesetzt habe, bin ich nach Hause, hab eine Diclofenac eingenommen, meine Brustwirbelsäule blockiert total. Ich krieg die Schmerzen nicht weg.

Und dann kommt gerade eine Whatsapp von K., sie ist schon wieder zurück bei ihm. Er braucht sie doch. Hat versprochen sich zu ändern.

Ich kapier es nicht, ich will es vielleicht auch nicht mehr.

3 verschiedene Schmerztabletten später wird es immer noch nicht besser. Morgen früh doch Arzt, hoffentlich hat der was, dass hilft.


Kommentare:

  1. Das ist auch Nichts zum verstehen. Das ist einfach so.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und dann fallen mir lauter *Aber* dazu ein. Und ich merke, dass nichts davon bei ihr ankommt.

      Löschen
    2. Richtig. Und deshalb kann man auch nix machen.

      Löschen
    3. Da hat Dr. Schwein recht.
      Nicht, dass das eine gute Nachricht wäre, aber es ist die Realität: Jeder Mensch hat seine persönliche point-of-no-return-Grenze.
      Und K.'s ist mit diesem Menschen noch nicht erreicht.

      Löschen
    4. Nix machen fällt mir schwer, jemand einfach in so einer Situation allein lassen? Aber eins hab ich gelernt: Nicht ohne einschüchternde Begleitung dort aufzutauchen. Muss meine Kontakte zur russischen Mafia doch mal überdenken (Sarkasmus, falls jemand zweifelt.
      Es wäre die italienische, die machen das Geschäft schon länger)
      Point of no return trifft es wohl recht gut

      Löschen
  2. Du bist eine gute Freundin. Das weißt du, oder? Nur für den Fall, dass es dir nicht ganz so sehr bewusst ist: Du bist eine tolle Freundin!
    Und auch wenn es sich furchtbar anfühlt, hilf- und verständnislos zu beobachten, wie K. zurück zu ihrem Mann geht, muss sie dennoch selbst die Entscheidung treffen, sich zu trennen. Nur ist das meist ein langer Prozess. Weil diese Beziehungen oft einhergehen mit Schuldgefühlen ("Ich bin schuld, dass er mich geschlagen hat, denn ich habe mich falsch verhalten.") und emotionalen Abhängigkeiten ("Er liebt mich, obwohl ich so bin, wie ich bin."). Häufig spielt auch gezieltes Kleinhalten in der Beziehung eine Rolle.

    Bin gerade auf dem Sprung zur Arbeit und kann nicht wirklich ausführlich shreiben (deshalb vielleicht auch etwas wirr ;-)) Aber hast du überlegt, Schritte gegen K. wegen Körperverletzung einzuleiten?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gegen K.s Freund meinte ich netürlich. Sorry. Ich war heute Morgen kräftig verwirrt und in Eile.

      Löschen
    2. Diese Antwort, das war wie die kleine Umarmung die ich heute dringend gebrauchen konnte. Danke!
      Eine Anzeige hatte ich überlegt, vor allem gestern Nacht, als ich vor Schmerzen schier die Wände hoch gegangen bin. Aber: Ich hatte ihr gestern noch versprochen, dass ich nix mache. Weil ich hoffe, dass sie sich im Notfall bei mir meldet, bevor sie meint, dass sie niemand hat. Das stelle ich mir noch gruseliger vor.
      Und außerdem habe ich inzwischen Schmerz-Medis intus, die machen ein wenig lau im Hirn, vielleicht erklärt das auch was

      Löschen
    3. Und das mit der Umarmung meinte ich so, kannnoch nicht so klar formulieren

      Löschen
  3. Da gibt's auch nix zu verstehen.

    Und sie hofft ganz bestimmt, das er sich jetzt ändert. Das das als Schuss vor den Bug zählt.

    Die traurige Wahrheit ist: Es wird nicht anders.
    Du kannst nur Hoffen, das K. das kapiert, bevor er sie krankenhausreif schlägt.
    Ich las vor einiger Zeit mal eine Statistik über Gewalt in Beziehungen. Im Schnitt dauert es 7 Jahre bis die Trennung vollzogen wird. Egal in welcher Geschlechterkombination die Beziehungen stattfinden.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. 7 Jahre? Ich begreif es einfach nicht. Und genau, das war ihr Denken, nachdem sie mir vom ersten Mal erzählt hat, dass er sich ändern wird, dass er ihre Hilfe braucht. Ich denke auch, dass er Hilfe braucht, aber neutrale

      Löschen
  4. Ich glaub, das begreift kein Außenstehender, wie man so wenig Selbstachtung haben kann, das man dies mit sich machen lässt.
    Hilfe brauchen beide, am Besten von völlig Fremden, damit das alles auf der Sachebene bleiben kann.
    Und selbst da gilt: Diese Beziehung wird immer belastet sein. Ob ich nach so einem Vorfall wieder bedingungslos vertrauen könnte? Ob ich vielleicht wie ne Maus in den Ecken rumhusche, wenn der Gatte schlecht gelaunt ist?

    Sieben Jahre. Weil, und das ist das Paradoxe an der Geschichte, der misshandelte Teil die Schuld erst mal nur bei sich sucht.

    AntwortenLöschen
  5. Zu dem, was das Muschelmädchen so treffend beschreibt, kommt auch, dass einen Angst auch lähmen kann. Im Denken (schon die Vorstellung, die Situation ändern zu können erscheint abwegig) und im Handeln. Du kannst einfach nicht handeln und befindest dich in einem Zustand der Schockstarre, was auch nichts mit mangelnder Selbstachtung zu tun hat. Wenn du dann noch über Jahre kleingehalten wurdest (was oft so subtil stattfindet, dass du es gar nicht bemerkst oder erst dann, wenn es fast zu spät ist), erscheint dir selbst der kleinste Schritt aus deinem Angsttunnel als zu gewaltig und für dich nicht machbar. Wenn du über Jahre dahin manipuliert wirst, dass du ohne XYZ nichts bist und nicht (über)lebensfähig, dann glaubst du das irgendwann. Es greifen da Mechanismen ineinander, die du als Außenstehende nur schwer bis gar nicht nachvollziehen kannst. Und so bleibt das, was das Muschemädchen schreibt: Sie muss selbst die Entscheidung treffen, sich zu trennen. Möge ihr ein Licht aufgehen...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anna, Deine Einschätzung ist vollkommen richtig. Und ich befürchte, dass diese Entscheidung noch lange auf sich warten lassen wird. Es gab übrigens eine gemeinsame Weihnachtsmail von den Beiden. Mit den Wünschen für ein harmonisches Weihnachtsfest.
      Manchmal denke ich, dass einige Menschen die Ironie im eigenen Leben nicht mehr erkennen.

      Löschen