Mittwoch, 7. Februar 2018

Reflex-Lügen

Zu den Dingen, die ich in meiner Kindheit eingebläut bekam, gehört auch ansatzloses Reflex-Lügen. 
Dank der erfolgreichen Erziehungsmethoden meines Stiefvaters beherrsche ich diese eklige Gabe fast perfekt. Tja, da kann ich mal etwas richtig gut und dann muss es ausgerechnet so etwas sein.

Wenn mein Stiefvater auch nur ahnte, dass ich irgendwo einen Fehler gemacht hatte, hatte er endlich mal wieder einen Anlass seine Verachtung und seinen Hass rauszulassen. Als ich älter wurde, passierte das seltener durch Verprügeln sondern öfter durch Demütigung und Isolation.

Also durfte er weder erfahren, dass ich einen Fehler gemacht hatte, noch dass es irgendetwas gab, auf dass ich mich gefreut hätte. 

Die Parole lautete folgerichtig: Ich hatte nie Probleme und es gab auch keine Pläne.

Und dazu muss man gut lügen können, nie zögern bei Antworten, immer auf der Hut, dass ich auch sonst nichts erzähle, dass zu den richtigen Antworten hätte führen können.

Nicht erzählen, dass ich eingeladen wurde (denn dann hätte ich ja Kontakte und Freunde haben können)

Nicht erzählen, dass mir Reiten, Ski fahren, Lesen, Singen Spaß machen (denn das hätte man mir ja als Strafe gut verbieten können)

Nicht erzählen, dass es einen Freund gibt ( denn sonst hätte man ja den Umgang verbieten können)

Und all das ist passiert, denn am Anfang war ich noch nicht gut genug im Lügen. Aber es wurde besser, nach ein paar Jahren verlassen die Lügen schon automatisch meine Lippen. Der beste Schutz gegen die schlimmsten Strafen.

Aber: Einmal daran gewöhnt, ist es sehr sehr schwer diesen Reflex wieder los zu werden. Es hat mich eine sehr gute und alte Freundschaft gekostet, bis ich gemerkt habe, dass ich immer noch reflexartig lüge. Es hatte sich verselbständigt, war zu einem Automatismus geworden, den ich nur schwer los wurde.

Es ist jetzt ein paar Jahre her, dass ich schmerzhaft lernen musste, da etwas zu ändern. 

Inzwischen ist der Reflex weg, ich bemühe mich meinen Mitmenschen gegenüber sehr ehrlich zu sein, ohne sie zu verletzen. Und es klappt. 

Nur manchmal nutze ich die Erfahrung noch um andere oder mich selber vor den schlimmsten Dingen zu bewahren. 

Ansonsten sage ich lieber gar nichts als zu lügen. Wenn ich also mal Ihre Fragen nicht beantworte, liegt es vermutlich daran, dass ich Sie nicht anlügen will. Gewähren Sie mir diese Flucht.

Kommentare:

  1. Ich stelle dann einfach keine Fragen.

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    1. Eine Lösung, mit der Sie mir in einer solchen Situation sehr helfen würden. Und die ich sehr zu schätzen wüsste

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  2. Es überrascht mich immer wieder, wie tief verwurzelt und verzweigt die Verhaltensweisen sind, die man sich um des Überlebens willen angewöhnt. Und welche Haken der Geist schlägt, um alte Muster weiter ablaufen zu lassen, obwohl man es mittlerweile besser weiß. Verzeihen ist eine Sache (wobei in diesem Fall... *bedeutungsschwangere Gedankenpause*), aber das Überschreiben alter Programme finde ich wirklich schwierig. Programm "Demütigung" führt immer noch zu direktem Rückzug und lediglich der Gedanke, dass "sie" dann endgültig gewonnen hätten, lockt mich wieder raus. Irgendwann.^^

    Kurse über das "(reflexhaft/intuitiv) situationsangemessene Verhalten ohne das Offengalten von Hintertürchen" wären super...

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    1. "Offenhalten" heißt es.

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    2. Das Üble ist, dass es einem auch erst einmal bewusst werden muss. Deine Formulierung mit den Haken passt haargenau, manchmal bin ich erschrocken, wie ein Teil meines Hirns den Rest austrickst und wieder alte Muster fährt.
      Die Kurse könnten wir gemeinsam besuchen und ich warte einfach da, wo Du dich wieder hervor traust.

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    3. Die BewusstWerdung kann einen ja auch in eine veritable Krise stürzen.^^ Dann erkennst du zwar, dass das suboptimal läuft... und weiter? Die Welt, wie sie dir von deinen Bezugspersonen "vorgelebt wird", ist die Welt, die einem Kind als objektive Wahrheit erscheint. Auch ich bin das, wofür mich meine Eltern halten/hielten (denn Eltern lügen nicht und wollen das Beste für ihre Kinder... ähem... also idealerweise). Wenn das nun alles falsch ist, was ist dann richtig? Wer oder was bin ich dann? Suche ich mir nun einfach eine neue Rolle aus und fülle sie mit Leben? So als ob ich ein paar neue Schuhe kaufen würde?

      Und wenn dir bewusst ist, dass du ganz unbedingt bewusster werden musst, weil dein Autopilot völlig falsch gepolt ist und dich direkt in die Hölle schickt, wie willst du dann im Leben bestehen, das mittlerweile so komplex ist, dass sich "normale" Menschen einfach auf gewisse Handlungsroutinen verlassen müssen, um Platz für "neue Dinge" zu haben? BewusstWerdung... hat ein bisschen was von "Die Geister, die ich rief". Aber man wächst an seinen Herausforderungen. ;))

      Herzliche Grüße (aus meinem Loch, in das ich mich bewusst verkochen habe, weil mir das alles zuviel wird...^^) und hab ein schönes Wochenende! ;)

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