Donnerstag, 31. August 2017

Ade Vater

Nach dem Wochenende bei meinem Vater schwirrte mir der Kopf und meine Ersatzeltern M. und N. meinten später, ich sei ihnen völlig verstört vorgekommen. Diese Außenwahrnehmung stimmte wohl mit dem überein, was ich gefühlt habe.

Im nachhinein weiß ich, dass ich mir selber viel mehr (wohl viel zu viel) von diesem Besuch erhofft hatte. Dummes Kind
Jemanden, der mich anlächelt, mich in die Arme nimmt und leise "Endlich bist Du da" sagt. Der mir sagt, dass er so lange auf mich gewartet hat, der eine Erklärung dafür hat, warum er sich nie gemeldet hat (egal wie gut die Erklärung auch gewesen wäre). Jemand, der mir verspricht, dass ich ab jetzt auch einen Vater haben werde, der auf mich aufpasst und mich beschützt.

Tja

So war es nicht. 

Und so würde es auch nie sein.


Der Brief, den ich im Anschluss an dieses Wochenende an meinen Vater geschrieben habe, sollte ihm all das erzählen, was ich an den zwei vergangenen Tagen nicht erzählen konnte.
Was bislang in meinem Leben geschehen war
Was ich mir erhoffte
Was ich für meine Zukunft geplant hatte
Und warum ich mich nicht früher gemeldet hatte (Sein Vorwurf an mich, als wir uns unterhielten).

12 Seiten handgeschriebene Sehnsucht und Verzweiflung. Eine Kopie habe ich noch und habe sie noch einmal gelesen vor ein paar Jahren. Mit Erstaunen, wie kindlich meine Ausdrucksweise von Seite zu Seite wurde, meine Handschrift sich änderte und wie viel Hoffnung ich verstecken konnte.

Auf diesen Brief gab es keine Antwort. Es folgten noch ein paar Telefonate, fast nur zwischen G. und mir. Aber ich wusste ja, dass mein Vater geschäftlich stark eingespannt war und auch viel ins Ausland musste. Ausreden fanden sich, besser als da schon sagen zu müssen: Er will mich nicht.

Trotzdem hätte ich mich gefreut, wenn er sich auch einmal gemeldet hätte und so beschloss ich, dieses Mal auf seinen Anruf zu warten und nicht diejenige zu sein, die den *Kontakt* aufrecht erhielt. 

Ein halbes Jahr später hatte sich niemand gemeldet und so rief ich wieder an.
Telefonnummer existierte nicht mehr.
Auf Briefe bekam ich keine Reaktion.

Also bin ich ein zweites Mal in den Zug gestiegen und fuhr zu seiner Adresse, unangemeldet. 

Am Klingelschild ein anderer Name und ein Nachbar erzählte, dass die früheren Eigentümer verzogen seien.

Da stand ich nun und wusste nicht weiter. Bis mir einfiel, dass meine Halbschwester ja auch in dieser Straße wohnen sollte. Nach ein paar Fehlversuchen habe ich sie auch gefunden und klingelte.
Und dann stehe ich im Wind auf der Straße und erfahre über die Sprechanlage, dass mein Vater in die Schweiz gezogen ist. Mehr kann sie mir nicht sagen. *Klick* und die Sprechanlage ist wieder still.

Ein paar Wochen später erhalte ich von einem Rechtsanwalt ein Angebot meines Vaters, in dem er mir anbietet, mein Erbe vorzeitig auszuzahlen (abzüglich dieses oder jenes Betrags blabla)
Ich hatte ihn nie wegen Geld angesprochen oder das Thema auch nur erwähnt
Verstanden habe ich: Wenn das Finanzielle erledigt ist, ist keinerlei Kontakt mehr notwendig. Geh weg.
Das Angebot habe ich angenommen und meinen Vater nie wieder gesehen und auch nie wieder etwas von ihm gehört.



Mittwoch, 30. August 2017

Hallo Vater

"Hallo Vater" wäre eine angemessene / logische / entspannte Begrüßung gewesen. Aber nach etwa 18 Jahren *Nicht-Kennen* war meine Befangenheit dafür wohl zu groß.

Ein paar Monate vor meinem 18. Geburtstag sprach mich mein Stiefvater an, dass ich etwas unterschreiben müsse. Legte mir Formulare vor und zeigte auf die gestrichelte Linie für die Unterschrift. Legte den Stift daneben und erwartete, dass ich ohne Nachfragen unterschrieb, was er mir da so vorlegte.

Auf Grund meiner Leseleidenschaft kann ich recht schnell lesen (funktioniert übrigens auch Über-Kopf prima :-) ) und hatte schneller als er erwartet hatte, herausgefunden um was es ging.

Bislang hatte mein biologischer Vater den Unterhalt auf Grund eines Gerichtsurteils (aha, freiwillig war das also auch nicht) auf das Konto der Erziehungsberechtigten überwiesen. Nun, mit Beginn meiner Volljährigkeit, brauchte es meinen Antrag und Unterschrift, damit das weiter so passierte.

Und mit diesem Antrag hatte ich endlich einen Namen und eine Anschrift.

Etwa einen Monat später hatte ich genug Mut gesammelt, meinem bV einen Brief zu schreiben. Allein hätte ich diesen Entschluss wohl nie gefasst, vor lauter Angst vor einer direkten Zurückweisung. Mut zugesprochen haben mir damals meine Freunde-Ersatzeltern, die mir immer wieder das Gefühl geben konnte, doch eine gewisse Existenzberechtigung zu haben. Ohne diese Beiden hätte ich wohl nicht überlebt.

Nach dem Einwurf in den Postkasten begann die Warterei und es dauerte auch wirklich knapp 2 Wochen, bis ich eine Antwort erhielt. Zurückhaltend, etwas geschäftsmäßig, neutral und die Emotionalität könnte wohl am Besten mit *Grau* beschrieben werden.

Ich hatte bislang von meiner Mutter nicht viele Informationen über meinen Vater bekommen und hatte dem entsprechend viele Fragen. Auch er schien einige Fragen zu haben und so verabredeten wir uns schließlich zu einem Wochenendbesuch. Federführend war bei diesen Kontakten seine zweite Frau G., die immer offen und sympathisch auf meine Anrufe und Briefe reagierte.

So fuhr ich an einem Samstag Morgen mit bangem Herzen mit dem Zug in seine Stadt. Ich hatte keine Ahnung wie ich reagieren sollte, wenn mein Vater mich umarmen wollte oder wie ich reagieren würde, wenn er es nicht tat. Würde er mich liebenswert nett finden oder dieses Treffen schon nach einem Blick bedauern?

Wie bei vielen anderen Menschen wohl auch, gibt mir angemessene Kleidung in solchen Momenten zumindest ein kleines Maß an Sicherheit und so hatte ich mich an dem Tag in meine besten Tagesklamotten geworfen. Und das war wohl auch ganz gut so, denn allein die hohen elektrischen Eingangstore vor der Stadtvilla hatten in dem Moment etwas Einschüchterndes.

Im Haus begegnete ich zuerst G., die mich herzlich empfing und zu meinem Apartment brachte. Erst danach fand die *Zusammenkunft* statt und jegliche Befürchtungen bezüglich einer emotionalen Begegnung konnte ich sofort vergessen. Mein Vater gab mir die Hand, erkundigte sich höflich nach meiner Reise und entschuldigte sich nach ca. 15 Minuten mit dringenden Geschäften. An diesem Wochenende habe ich ihn dann noch beim Abendessen, am nächsten Morgen beim Frühstück und schließlich beim Abschied gesehen. Es gab eine etwas längere Unterhaltung, die G. organisiert hatte und in deren Verlauf er mir erzählte, dass seine erste Frau und er mich eigentlich adoptieren wollten, da sie keine Kinder bekommen konnte. Ähnliches hatten sie etwa 10 Jahre vorher schon mit meiner älteren Halbschwester getan, die in der Nachbarschaft wohnte, die ich aber nie kennen gelernt habe.

Wieder Zuhause angekommen habe ich meinem Vater einen Brief geschrieben

tbc


Dienstag, 22. August 2017

Jubeljubeljubel

Einer der Vorteile eines unbekannten Blogs ist die Anonymität. Ich kann hier eigentlich tun und schreiben, was ich möchte.

Der Nachteil ist die geringe Leserschaft, wenn es darum geht, einem armen Seminarkind die Daumen zu drücken, dass die Vorahnungen bezüglich des geistigen Niveaus in einem Vorbereitungskurs für die eigentliche Fortbildung nicht eintreffen.

Verloren!

Es kam noch schlimmer. Also so, dass ich fortwährend lächelnd an meinem Computerplatz saß und mir die ganze Sache wie aus 1 Kilometer Entfernung ansah. Kennt man ja, diese außerkörperlichen Erfahrungen. Also, ich kenn die jetzt.

Und während mein Geist noch ungläubig und unentschlossen über mir waberte, wurde es noch abstruser.

Der erste Teilnehmer packte seine Sachen, stand auf und ward nicht mehr gesehen. Kein Wort zum Abschied zum Dozenten, nix.
Purer Neid der sich da unter den Leuten breit machte.

Und der Lerninhalt ist in etwa so, wie ich es befürchtet hatte. Sachen, die man in meinem Metier im Schlaf beherrschen sollte und die mich kein Stück weiterbringen. Das als Voraussetzung zur eigentlichen Fortbildung zu deklarieren ist mutig. Wenn jemand so wenig Ahnung hat, dass er diesen Kurs wirklich braucht, ist er bei den späteren Inhalten völlig fehl am Platz.

jey, das werden tolle 4 Monate. Aber immerhin gibt es freies Wlan, jetzt brauch ich nur noch den uneinsehbarsten Platz

Samstag, 19. August 2017

Fortbildungen und Vorahnungen

Allein der Umstand, dass Fortbildung und Vorahnung ähnlich beginnen, aber unterschiedlich geschrieben werden, ist ein Unheil versprechendes Omen.

Jedenfalls, wenn man gern alle mögliche Ursachen an den Haaren herbei ziehen mag, die dazu führen, düstere Zukunftsprognosen stellen zu können.

Kurzum: Ich soll eine Fortbildung besuchen. Mache ich gern, ich lern gern Neues.
Was ich aber mit großer Skepsis betrachte, ist der 4-monatige Vorbereitungskurs auf diese Fortbildung. Weil aus der Vorbesprechung nämlich hervor geht, dass dieser Kurs die Teilnehmer der eigentlichen Fortbildung auf ein einheitliches Niveau (hier bitte eine Augenbraue skeptisch hochziehen) bringen soll.

Aus den Andeutungen schließe ich, dass dieses Niveau auf dem Level *wie öffne ich eine neue Word Datei* beginnen soll und mit *speichern Sie eine Kopie der erstellten Datei* enden wird.

Die Art von Kurs, bei der ich nach der ersten Stunde versuchen werde, unauffällig einen freien Wlan Zugang zu finden, der mich die restlichen 3 Monate, 30 Tage und 7 Stunden  vor dem kompletten Hirntod bewahren könnte.

Sämtliche Versuche meinen Gesprächspartner davon zu überzeugen, dass ich in so einem Kurs falsch aufgehoben wäre, haben leider nicht gefruchtet. Will ich die Fortbildung (ja, ich will), muss ich in diesen Kurs. Vermutlich braucht der Veranstalter noch Statisten, um die Förderung seines Kurses durchzudrücken.

Montag fängt der Spaß an, ich versuche immer noch mein Optimismuslevel auf einen Punkt über der roten Linie zu halten, aber die Prognose zeigt einen Absturz in den Keller voraus.

Drücke mir bitte jemand die Daumen

Dienstag, 15. August 2017

Heide

Wir waren heute Nachmittag ganz unspektakulär in der Heide unterwegs (ohne Regen!)


In ein paar Tagen wird es noch schöner, wenn die gesamte Heide blüht. 

Und hier laufen nur wenig andere Menschen herum, daher wird wohl auch die Infrastruktur *etwas* vernachlässigt



Dafür werden die gefiederten Beerenklauer mit neuen Methoden abgeschreckt, eigentlich ist das nur eine Greifvogelattrappe, aber es funktioniert. Und ist definitiv besser als die Schreckschussanlagen, die sonst bis in den späten Abend nicht nur Stare sondern auch Spaziergänger erschrecken























Montag, 14. August 2017

Noch einmal Jein

Gleiches Problem, noch kein neuer Lösungsansatz

Eigentlich ist Dienstag der Tag, an dem ich für mich Termine mache. Also ganz egoistisch mal meine Gehirnzellen für mich selber anstrenge und auslaste. Ich habe auch gemerkt, dass ich das wirklich brauche und danach zufrieden ausgelastet bin.

Meistens verabrede ich mich dazu mit einer Freundin, der es ähnlich geht und sich auch einmal in der Woche ganz egoistisch diesen Zeitraum freiräumt. 
Ab und zu laden wir noch andere nette Menschen ein und machen dann etwas gemeinsam, aber meistens kommen wir zwei, allein aus Gewohnheit, besser zurecht wenn wir nur zu zweit sind.

Nun ist die Freundin doch tatsächlich einfach in den Urlaub gefahren ;-) und somit wollte ich allein etwas unternehmen. Letzte Woche fragte eine frühere Teilnehmerin an, ob sie mitmachen könnte, das konnte ich dann noch auf einen anderen Tag verschieben, an dem ich eh unterwegs war.

Aber für morgen hat es dann nicht mehr geklappt. Ich hatte nichts spektakuläres vor, wollte nur in der Heide die beginnende Blüte bewundern und etwas durch die Gegend wandern. A b e r es wäre meine Zeit gewesen.

wäre

Um den Gefallen gebeten, etwas zusammen zu unternehmen, habe ich wieder einmal *Ja* gesagt und eigentlich *Nein* gefühlt.

Vielleicht schreibe ich mir die Anzahl solcher (Um-)fälle wirklich mal auf und kann dann bewusst sehen, wie oft das passiert.

Sonntag, 13. August 2017

Nebenjobs

Bevor ich *richtig erwachsen und richtig berufstätig wurde* habe ich eine ganze Menge Nebenjobs gehabt.

So ab meinem 14. Geburtstag habe ich mir dadurch erst etwas Taschengeld und nachher die Kosten für das Studium verdient. Manchmal etwas bizarr, aber meistens sehr lustig.

Die ersten Jobs waren die gängigen Klassiker: 

Einkaufen gehen 

Hunde ausführen

Zeitung austragen

Vorleserin bei einer blinden Dame

Kleine Kinder vom Rad schubsen (ähm, Babysitten)
es hat sich schnell heraus gestellt, dass ich da wohl eine Fehlbesetzung bin, höflich ausgedrückt ^ ^

Primeln bestäuben
Ernsthaft, Sie gehen mit einem kleinen feinen Pinsel von einer Spenderblüte zum Stempel j e d e r einzelnen verflixten Blüte in einem riesigen Gewächshaus. Und Sie dachten, das wäre alles Natur? Die dürfen auch nicht mit jedem und so wie sie wollen. 
Nach dem Job haben Sie kein Problem mehr mit stupiden Arbeiten, denken Sie (noch).
Ach ja, nach ein paar Tagen ertappen Sie sich dabei, wie Sie bei dem Job leise vor sich hinsummen. Zeit etwas anderes anzufangen.


Erdbeeren pflücken
Es gab riesige Erdbeerfelder um uns herum und damals war es noch nicht üblich aus dem Ausland billige Erntehelfer zu engagieren. Also verbringen Sie die nächsten 4-6 Wochen in gebückter Haltung und schauen sich permanent ihre Schuhe an. Kein Wunder, dass ein großer Teil des Lohns (damals 50 Cent pro 2,5 kg Korb) in neuen Schuhen angelegt wird. Unter anderem rosa Wildlederpumps, absolute Lieblingsteile
Und Sie lernen, sich stundenlang zu bücken. Hat auch Vorteile

Erdbeeren verkaufen
In den folgenden Jahren erfolgte eine rasche Karriere im landwirtschaftlichen Sektor. Auf Grund erwiesener Zuverlässigkeit und Begeisterung für das Produkt (dazu reicht es im nächsten Jahr wieder dort aufzutauchen und nach einem Job zu fragen) wurde ich in die Verkaufsbude befördert. Schult den Kundenkontakt und fördert Fremdsprachenkenntnisse (dass "Ich hätte gern ein Schälchen Erdbeeren" im rheinischen Dialekt so viele Formen haben kann ...)
Die ersten Süchtigen tauchen morgens um 07.00 Uhr auf und der Stand wird um 18.00 Uhr geschlossen. 
Das gab eine Menge Kohle, die wiederum begeistert in Bücher, Schuhe und dann auch in den ersten Urlaub mit Freund investiert wurde.

Medikamente ausfahren
Die neue Apotheke im Ort brauchte regenfeste Fahrradboten. Beworben und danach über 4 Jahre nach der Schule jeden Tag Medikamentenbestellungen ausgeliefert. Erstaunlich wie wenig mir damals Regen, Schnee oder Kälte ausgemacht haben. Allerdings war ich gedopt, meistens habe ich zwei Schlittenhunde dabei gehabt, die ich bei der Gelegenheit ausgeführt habe. Das gibt ordentlich Speed :-)

Wäscherei
Kurzes Gastspiel, nach 2 Wochen hatte meine Begeisterung Handtücher zusammen zu legen, stark nachgelassen. Neuen Job gesucht und gefunden

Seidenweberei
Hier beginnt meine Vorliebe für schöne Krawatten und gut gekleidete Gentlemen (ist für mich noch einmal ein Unterschied zu *gut gekleideten Herren*, Thema für einen anderen Blogbeitrag)
Die Manufaktur webte nach eigenen Entwürfen Seidenstoffe, die entweder zu Krawatten oder Seidentüchern verarbeitet wurden. Aber es gab auch Polyesterkrawatten im CD für Hunderte Sparkassenangestellte oder den TÜV. 
Alles wurde einzeln in Schachteln oder Tüten verpackt. Verantwortungsvoller Job ;-) Aber tolle Kollegen!

Telefon
Nun ja, hier ist er, der Job, der unter *sie brauchten das Geld und wussten nicht, was sie tun* fällt.
Gerade 18 geworden, stand ich mit einer Freundin vor dem Problem in kurzer Zeit genügend Geld für den Urlaub zu verdienen. 
Und ich schwöre, es war ihre Idee! 
Jedenfalls haben wir uns beide auf eine Anzeige gemeldet, in der für eine Telefonhotline junge Frauen gesucht wurden, die sich mit "einsamen" Männern unterhalten. (In der Anzeige haben die Anführungszeichen natürlich gefehlt, aber vermutlich haben die Verantwortlichen auch nicht mit so Naivlingen wie uns gerechnet)
Ok, jetzt bin ich auch schlauer. 
Aber damals habe ich das geglaubt. 
So circa 15 Sekunden lang. Dann nie wieder
Kürzester Job von allen. 15 Sekunden

Lotto Annahmestelle und Zeitungskiosk
Kleiner Vorortkiosk, vollgestopft mit allem, was die Nachbarschaft brauchen konnte. Zigaretten, Tabak, Flachmänner, Feuerzeuge, Schreibhefte, Schultüten, Schulbuchbestellungen, Tchibo Nonfood Artikel, Weihnachtsschmuck, Brötchen, Schmuck, Lotto Annahmestelle (aber nur unter Aufsicht, die Lottozentrale vergab die Lizenzen nur an geprüfte Verkäufer, die auch zwingend Fortbildungen besuchen mussten. Was man nicht alles bei solchen Jobs lernt)
Vielfältig und hektisch. Aber auch traurig, wenn Dauerspieler und Alkoholabhängige zu bekannten Gesichtern wurden


Schreibkraft bei einem Anwalt
Während des Studiums eine gute Lehre, wie gut es mir in einer Demokratie geht. Der Anwalt war auf Asylgesuche spezialisiert. Nicht die Fachrichtung, mit der man am meisten Geld verdient, aber er war einer von denen, die den Job aus Berufung machten. Und viel zu viel arbeitete, weil er großen Zulauf hatte. Während der Tipperei nebenbei einiges von den Schicksalen und Hintergründen erfahren. Und seitdem bin ich voller Hochachtung, was manche Menschen auf sich nehmen, um ihren Kindern eine sichere Zukunft ermöglichen zu können oder wie weit sie ihr eigenes Leben riskieren, um für eine Demokratie in ihrem Ursprungsland zu kämpfen. Wie unglaublich weit Regime gehen, um ganze Bevölkerungsgruppen nur auf Grund ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu vernichten. 


Pressegrossist 
Genialer Job. Gehört in die TOP 3. Begonnen in der Remittenden Abteilung. Dort werden die Zeitungen und Zeitschriften erfasst, die die Einzelhändler zurückgeben. Alles was bis zu einem bestimmten Datum nicht verkauft wird, kann gegen Erstattung des Einkaufspreises wieder zurück geschickt werden.
Ein Traum für jeden Lesejunkie. Und ein Einblick in die teilweise bizarre Welt der Fachzeitschriften und damit meine ich nicht nur den Erotikbereich. Die können sich hinter mancher Angelzeitschrift verstecken.
Danach im firmeneigenen Pressehaus gejobbt, ca. 3.000 verschiedene nationale und internationale Zeitungen und Zeitschriften - herrlich. Dazu noch einmal ein zweites Stockwerk mit Comics und Mangas.
Dort der unabsichtlich anzüglichste Satz im Berufsleben: 
1,60 m großer Mann versucht an einen Comic in der oberen Regalreihe zu kommen. Eifrige Aushilfe: "Ich hole Ihnen gerne einen runter"
japp, Abgang mit hochrotem Kopf, aber kichernd

Später in der Verwaltung beim Eigentümer gearbeitet und ernsthaft darüber nachgedacht, dort ganz einzusteigen.


Aushilfe im Vorstandsbüro Energieversorger
Cooler Job, ebenfalls TOP 3. 
In den ersten zwei Jahren in den Semesterferien reihum in einem von vier Vorstandsbereiche eine der drei Sekretärinnen vertreten. Die hatten ordentlich zu tun, vor allem mit dem Chef. Wenn der sich nicht über einen seiner drei Mitvorstände aufregte, dann über sein Sekretariat.
Da ich auf den Job nicht lebensnotwendig angewiesen war, konnte ich locker genug kontern. Irgendwie hat das gefallen und ich hatte einen festen und vor allem extrem gut bezahlten Ferienjob. Und einen Chef, der es mochte, wenn jemand dabei war, der ihm mit Humor begegnete und ihn als Mensch mochte. Hat mich im Gegensatz zu seinen festen Mitarbeitern nicht einmal angeschrien und gehört zu meinen Lieblingschefs. 
Als Studentin musste ich keine Abgaben zahlen und konnte in den drei Monaten genug für das ganze Jahr verdienen.
Wurde noch besser, als ich die Betreuung der ausländischen Politikerdelegationen übernahm. 
Firmenwagen (den ersten habe ich tatsächlich geschrottet, beim Abbiegen auf einen parkenden Wagen aufgefahren. Und während ich in der Wohnung des Besitzers mit der Firma wegen der Versicherung und eines Ersatzwagens telefoniere, kracht es schon wieder. Ein zweiter Wagen ist in denselben Wagen gekracht. Was beweist, dass ich gar nicht schuld war, sondern der Wagen einfach zu gut getarnt war. Oder so)
Weiterbildung in Kunst und Kultur. Ich war auch beim Abendprogramm dabei, Ausflüge zu Ausstellungen, Opernaufführungen, Museumsführungen, Rhein-/Weser-/Moselfahrten, Fahrten mit Dampfloks, Doppeldeckerbussen, Kutschen oder Schwebebahnen, Führungen durch E-Werke, Staudämme und Zulieferfirmen. 
Besuche in Landtagen und anschließende Ausflüge ins Nachtleben. Das Attribut *bemerkenswert* verdient der Besuch des Kölner Karnevals mit einer russischen Delegation. 
Viel gelernt und gelacht. 

Waren noch nicht alle Jobs, tbc






Samstag, 12. August 2017

Gutes zum Wochenende

Da ich auch lieber gute Dinge lese:

Bei Facebook bin ich in einer Gruppe, die in einer Großstadt unter dem Motto *free your stuff* Dinge verschenkt und kostenlos Arbeiten übernimmt.

Der Ort ist zwar weit von mir entfernt, trotzdem lese ich in dieser Gruppe unheimlich gern mit. Es führt immer wieder dazu, dass ich lächelnd vor dem Bildschirm sitze, und bewundere, wie Menschen einander helfen, einfach so.

Teilweise werden gebrauchte Möbel verschenkt, Tickets für Konzerte und Sportveranstaltungen, neue Handys, überschüssige Gemüseernte oder Tagestickets für Zug und Bus. 
Andere bieten Transportmöglichkeiten oder Reparaturen an, Hilfe bei Behördengängen oder Übersetzungen. Die Palette ist breit und die hilfsbereiten Mitglieder werden immer mehr.

Feuert meinen Optimismus an und ist ein gutes Vorbild für mich

Donnerstag, 10. August 2017

Fremdbestimmte Selbstwahrnehmung

Nach dieser Nacht änderte sich offiziell nicht so viel. 

Nur in mir wurde eine Frage immer größer, die ich niemanden stellen konnte.
War ich wirklich so schlecht, so fehlerhaft, wie mein Stiefvater gesagt hatte?

Wäre ich in einer anderen, moderneren, Umgebung aufgewachsen, wäre das vermutlich kein Problem gewesen, weil ich um mich herum erlebt hätte, dass das völlig normal war. 

Jetzt stammte meine Mutter aber aus einem Elternhaus, dass aus religiöser Überzeugung kinderreich war und sie sehr konservativ erzogen hatte. Als sie während der Ausbildung im Ausland schwanger wurde, brachen die Eltern sofort jeglichen Kontakt ab und erschienen auch nicht zur Hochzeit mit dem Vater meiner Schwester. 

Mein Stiefvater war etwa 20 Jahre älter als meine Mutter und hatte eine erzkatholische Erziehung genossen. Hinzu kam eine auffällige Vorliebe für junge Frauen, die sich ihm intellektuell oder körperlich nicht gewachsen fühlten.

Er hatte eine ganz eigene Art seine Stärke und Macht zu demonstrieren, so dass zwei kleine Mädchen alles taten, um nicht seine Aufmerksamkeit zu erregen.
Es gab Pucki, einen zahmen Kanarienvogel, der so viel Vertrauen hatte, dass er sich auf die Hand nehmen ließ. Eines Abends nahm mein Stiefvater ihn in die Hand, während meine Mutter in der Küche das Abendessen vorbereitete. Er sah ihn an und sprach nur zu ihm, während wir daneben saßen. Und meinte, dass er als Vogel ja beinah so viel Krach machen würde, wie die beiden Mädchen und dass er das gar nicht mag.
Und dann brach er ihm mit dem Daumen das Genick. Ganz leise, ganz still, ganz entspannt.

Und egal welche Fehler ich ab da machte, ich hatte jedes Mal eine Heidenangst, dass mein Stiefvater es herausfindet, weil ich nicht wusste, was dann passieren würde.
Dabei erwartete er ja eigentlich, dass ich nur Fehler machte. Das ich nichts konnte, zu nichts zu gebrauchen war. Und das sagte er mir auch, immer und immer wieder, egal was ich machte und egal wer noch dabei war.
Und ich habe es geglaubt. Denn es gab nichts, was ich konnte. War immer die Schlechteste, machte Fehler, traute mich kaum noch irgendetwas zu tun. Hätte man in der ersten Klasse sitzen bleiben können, hätte ich die Ehrenrunde gedreht.

Und dann bin ich auf den ersten von vier Menschen gestoßen, bei dem ich denke, dass ich unverdient Riesenglück hatte. Lotto spielen brauche ich nicht mehr, meinen Anteil am Glück habe ich mit diesen Menschen mehr als gehabt.

Nach einem unserer vielen Umzüge bekam ich eine neue Lehrerin, Frau Lehmann. Und aus irgendeinem Grund glaubte sie an dieses ungelenke, unsympathische und nicht besonders intelligente Mädchen. Zeigte offen ihre Sympathie und ermutigte mich, nahm mich mit zu sich nach Hause und war diejenige, die mir die Fluchtmöglichkeit in die Welt der Bücher zeigte. Nachdem ich endlich Lesen nicht nur gelernt sondern auch lieben gelernt hatte, ging es plötzlich auch in der Schule bergauf. 




Mittwoch, 9. August 2017

Weihnachtsmann und Vater

In der Kindheit verliert man unweigerlich nach und nach den Glauben an den Weihnachtsmann, Osterhasen und den Nikolaus. Je nachdem, wer einem die Illusion nimmt, kann das sehr fröhlich oder auch mit einem gewissen Unglauben passieren.

Um es bei mir nicht ganz so langweilig zu machen (Sarkasmus Begabte sprechen hier von einem "Extra-Bonus"), hatten meine Eltern noch eine besondere Überraschung für mich.

Ich war vermutlich 7 oder 8 Jahre alt, als ich mit meiner Schwester nachts zusammen in meinem Bett lag, während mein Stiefvater und meine Mutter stritten. Die gegenseitige Nähe gab uns etwas Sicherheit, so konnten wir uns im Dunkeln aneinander festhalten und zusammen darauf warten, dass es wieder ruhiger wurde.

In dieser Nacht riss jedoch unser Stiefvater die Tür auf, stand plötzlich vor meinem Bett, griff nach meinem Arm und schliff mich wortlos über den Boden bis vor meine Mutter. 

"Und jetzt entschuldigst du dich auf Knien bei deiner Mutter, dass du ihr Leben verpfuscht hast!"

Dann ist erst einmal ganz lange Pause und das nächste, woran ich mich erinnere, ist meine Mutter, die mir gegenüber sitzt. Und mir dann erklärt (jetzt kommt die Sache mit dem Beinah-Weihnachtsmann), dass mein Vater gar nicht mein Vater sei. Ich einen anderen Vater als meine Schwester hätte, mein Stiefvater im Übrigen der Ansicht sei, dass uneheliche Kinder von Geburt an moralisch verworfen sind (das ist doch mal eine moderne Form der Erbsünde oder?).

In den nächsten 8 Jahren wurde über dieses Thema nie wieder gesprochen. 

Aber ab dem Tag besuchte nur noch meine Schwester den Mann, den ich als Vater kennen gelernt hatte. Mich wollte er nicht mehr sehen.




Dienstag, 8. August 2017

Zum Weltkatzentag

Versucht das mal mit einer Katze! 

https://www.youtube.com/watch?v=SE5rrhzyZZk


Zugegeben, bin ein Hundemensch

PS Komplexe


Mein Auto gehört zu den Exemplaren, die optimistisch als *alltagstauglich* beschrieben werden.

Es ist
groß genug für meine Hobbys,
hat so viel Bodenfreiheit, dass ich auch auf Feldwegen und im Wald gut damit klar komme,
robust genug, auch in Zeiten längerer Vernachlässigung mit den Ölvorräten auszukommen, die es in guten Zeiten angelegt hat (Erfahrungswerte)
und führt selbst die abgebrühtesten Autodiebe niemals nicht in Versuchung

Nur bei unseren Ausflügen auf die deutschen Autobahnen wird ab und an der Mangel an automobiler Begeisterungsfähigkeit sichtbar. Die zur Verfügung stehende PS Zahl bewegt sich am Rand der Tret-Autozulassung und beschert den ein oder anderen verzweifelten Moment, wenn man am liebsten die Fahrertür öffnen und mit den Füßen auf dem Asphalt Schwung holen würde.

Regelmäßig müssen wir die Kasseler Berge bezwingen und es ist jedes, wirklich jedes Mal so, dass ich angesichts der vor uns liegenden Steigung schon Kilometer vorher anfange ordentlich Schwung zu holen.

Und ein Gedanke beherrscht den Geschwindigkeitsrausch: Dieses Mal schaffen wir das im 4. Gang 3. Gang! Dieses Mal ersparen wir uns die mitleidigen Blicke der überholenden PS-Giganten. Unter Umständen sind das auch eher Einbildungen meinerseits, denn so schnell, wie die vorbeiziehen, können sie uns eigentlich gar nicht wahrnehmen.
Aber egal, Stoff geben, Pedal durchtreten und die zweite Spur ist unsere, vorbei an den lahmen LKW. HAH! Adrenalin und Dopamin pur

Und dann ist er wieder da, der 4-Achser, der mal eben auf die zweite Spur raus zieht, um dem lettischen LKW vor ihm einen spannenden Überholkampf auf den nächsten 3 Kilometern zu bescheren. Egal, ob das kleine Auto dahinter jetzt abbremsen muss und den nötigen Schwung nie wieder drauf kriegen wird und in den 2. Gang schalten muss, um nicht rückwärts zu rollen. Alles nur, weil ich einen Wagen fahre, den kein Mensch ernst nimmt.

Dann kriechen wir wieder auf der rechten Spur mit allen LKW den Berg hoch und fluchen uns leise ein eigenes Schimpfwörterbuch zusammen.

Was die Sache aber erst richtig interessant macht: Wenn ich einen Firmenwagen habe und diese ganzen PS-Faschisten vor mir schon Kilometer vorher die Spur frei machen und sich entmaterialisieren. Da könnte ich dann auch mit 80 dran vorbeifahren, das würde mir niemand übel nehmen.

Verstehe einer Autofahrer

(Ich bin da natürlich ganz anders ^)






Sonntag, 6. August 2017

Entscheidung glücklich zu sein

Viele Entscheidungen, die ich getroffen habe, sind falsch gewesen.

Diejenige, die mein Leben am meisten verändert hat, war die Beste.

Ich habe meinen Job, Freunde, Wohnung, das angenehme Gefühl des gewohnten Umfeldes und auch finanzielle Sicherheit hinter mir gelassen. 

Aus Liebe und Loyalität. 
Meiner Meinung nach die einzig wichtigen Gründe. 

Und es war nicht nur aus Liebe und Loyalität jemand anderem gegenüber sondern auch mir gegenüber. Wäre ich in meinem vorherigen Leben geblieben, hätte ich mit mir selber nicht mehr leben können. Bis ich mich dazu entschieden hatte, mein Leben für diese Liebe so zu verändern, hatte ich das Gefühl, als ob in meiner Seele alle Haare gegen den Strich gebürstet worden wären und mit Gewalt wieder in die richtige Richtung wollten. 

Ich bin nicht immer zufrieden, nicht immer glücklich. Aber ich weiß tief im Innern, dass ich meine Art zu leben nicht nur gefunden habe sondern auch leben kann. Trotz aller Schwierigkeiten bin ich überwiegend einfach still zufrieden und fühle mich so unendlich lebendig.

Habe ich mal schlechte und traurige Tage, ruht in mir die stille Gewissheit, das nicht das Ganze, sondern momentan nur ein Teil nicht in Ordnung ist.

Ist es überhaupt erlaubt so zu leben, so zu empfinden? Inzwischen denke ich öfter, dass ich das darf. Nachdem ich an den Erinnerungen arbeite, die meine Gefühle so lange bestimmt habe und für mich entschieden habe, dass sie lange genug Einfluss hatten, kann ich mich mehr an dem freuen, was ich habe.

In ein paar Jahr-(zehnt)en wird es mich vor allem finanziell stark einschränken, aber die Entscheidung dafür jetzt lange glücklich zu leben, habe ich bewusst getroffen. Wer weiß, wie ich es dann sehen werde, aber ich gehe stark davon aus, dass ich mich dann so ans glücklich sein gewöhnt habe, dass ich gar nicht mehr anders kann ;-)




Samstag, 5. August 2017

Erst dann gemerkt

Einer der Gründe für diesen Blog ist mein schlechtes Gedächtnis. Ernsthaft, ich finde es teilweise erstaunlich, was ich alles nicht mehr weiß.

Das fängt mit so profanen Dingen wie meiner Schulzeit an (weder Einschulung, Grundschule, Gymnasium, noch Abi-Feier sind mir irgendwie im Gedächtnis geblieben), betrifft den ersten Sex genauso, wie den ersten ONS (und das liegt, glaube ich, nicht an den Jungs) oder auch diverse Seminare oder Kurse an der Uni.

Und dann gibt es Erinnerungen, die aus all dem grauen Vergessennebel herausleuchten, die ich vor meinem inneren Auge in Slow Motion ablaufen lassen kann. Sekunde für Sekunde. Bild für Bild. Und noch wichtiger: Gefühl für Gefühl

Ich stehe mit einigen Freunden nach einem Seminar vor dem Gebäude in der warmen Sonne und genieße die entspannte Zeit. 


Im nächsten Moment muss ich ausgesehen haben, als hätte mir gerade jemand ein Messer in den Rücken gestoßen. 
Komplette Verteidigungs- und Fluchtbereitschaft.

Und das nur, weil mir jemand die Hand sacht auf den Rücken, auf meine Haare gelegt hatte. Es ist so schwer zu beschreiben, welcher Schreck das war, wie bedroht und gleichzeitig wehrlos mich diese einfache Berührung gemacht hat.

Mein Gesichtsausdruck muss entsprechend gewesen sein, denn der entsprechende Kommilitone war nun selber erschrocken und beeilte sich zu versichern, dass er nur meine Haare einmal anfassen wollte, weil sie in der Sonne so gestrahlt hätten. Und Reiner war der aller-, allerfriedlichste Mensch, den man sich denken konnte. Mit sich selbst im Reinen und stets entspannt, jemand, dem man sofort nur Gutes zutraut (völlig zu Recht übrigens). Daher tat mir meine Reaktion auch so leid. Und ich fing an zu überlegen, warum dieser simple Berührungsreiz eine derart starke Reaktion hervor gebracht hatte.
An Reiner lag es nicht, in seiner Gegenwart habe ich mich vorher und auch nachher immer entspannt gefühlt.
Berührungen war ich gewohnt, auch intime

Bis mir klar wurde, dass es daran gelegen haben muss, dass es einer der wenigen Momente gewesen ist, in denen ich nicht alles im Auge hatte. Nicht auf alles gefasst war, nicht in Anspannung war. Ständige Alarmbereitschaft war mir schon so zur Gewohnheit geworden, dass das Gegenteil zur Ausnahme wurde. Und mich diese Berührung unvorbereitet traf

Donnerstag, 3. August 2017

Mutwillig

Ab und zu überkommt mich ein Funke von etwas, dass sich wie ein Feuerbrand durch meinen Kopf ausbreitet und alles einäschert, was mit Vernunft und Überlegung zu tun hat.

Dann merke ich, wie die Glitzerknete im Kopf zu wirken beginnt und ich anfange Dinge einfach mal zu machen. Sachen packen und nach Holland an den Partystrand fahren, nicht schlafen, aber viel Spaß haben. Oder testflirten und aus der Anonymität frecher sein, als es sonst so mein Ding ist. Mit glitzernden Augen dem Schalk im Nacken mutwillig mal freie Bahn lassen und einfach vor guter Laune sprühen.

Manchmal denke ich, dass man dann meine Mitmenschen vor mir retten sollte. Andererseits haben alle, die auch Glitzerknete haben, dann viel Spaß.

Vielleicht braucht es einfach mehr Glitzerknete 

Käuferrückruf

Wenn Waren nicht den gesetzlich vorgeschriebenen oder versprochenen Eigenschaften entsprechen, müssen sie aus dem Verkauf zurück gerufen werden.

So etwas sollte es vermutlich auch für Käufer geben.
Käufer, die mit Produkten nicht gemäß den Anleitungen umgehen können, sollten von ihnen ferngehalten werden können.

Das betrifft insbesondere mich. Eindeutiger Fall - vor allem, wenn es um Sekundenkleber geht.

Seit einiger Zeit bastel ich versuche ich bestimmte Trainingsutensilien selber zu basteln. Böser Fehler, vor allem, wenn ich dazu Sekundenkleber verwende.
Obwohl ich seit Grundschultagen rumrenne und damit prahle, dass ich lesen kann, scheint das bei Gebrauchsanleitungen irgendwie nicht zu funktionieren. Oder die Umsetzung von Hirn zu Hand hat unterwegs eine Reifenpanne. 

Inzwischen könnte ich Listen füllen, mit den Dingen, an denen ich schon mal geklebt habe. Unabsichtlich und auch an Dingen, die mit der Bastelei überhaupt nichts zu tun hatten. Schuhe zum Beispiel, Zeitschriften, Fernbedienung, mein T-Shirt, die Finger aneinander und natürlich an der Klebertube selber.

Vielleicht sollte ich doch lieber nicht versuchen, den Kleber durch einen Tacker auszutauschen. Könnte schmerzen  ^

Edit: Mir fällt gerade auf, dass das ja auch irgendwie ein Talent ist. Immerhin, ich hab eins

Mittwoch, 2. August 2017

Männerdomäne 3

Schießunterricht

Was hatte ich für einen Riesenrespekt vor den Waffen. Wobei der Respekt immer noch da ist, weil ich weiß, welche Folgen der falsche Gebrauch haben kann. Aber immerhin traue ich mich jetzt abzudrücken.

In der ersten Stunde bekamen wir direkt die Übungswaffen in die Hand gedrückt, die auch während der Schießausbildung zur Verfügung stehen würden. 

Und da trennte sich dann direkt der Laie vom Profi.

Etwa zwei Drittel der Kursteilnehmer hatte bereits eine eigene Waffe, zwar eingeschlossen in der Waffenkammer des Schießstandbetreibers, aber gekauft und bezahlt.
Ich war anfangs irritiert, warum die Jungs (und nur die Jungs!) schon mit der eigenen Waffe herum liefen, aber spätestens nach der ersten praktischen Flintenstunde wusste ich warum.

A) machte es überraschend viel Spaß *herum zu ballern* (auf Tontauben) 

B) macht es einen Riesenunterschied in der Trefferquote, wenn die Waffe an den Schützen angepasst ist

Vor allem, wenn es keine Schütze, sondern eine Schützin ist. Denn merke, der Schaft der Waffe muss an die weibliche Anatomie angepasst werden, sonst sieht es mit dem Treffen übel aus. Und je mehr Oberweite, desto mehr Anpassen. Da stand ich nun, hatte gerade mit Mühe noch eine passende Schießweste gefunden (wenn wir uns blamieren, dann bitte wenigstens gut angezogen) und suchte nun verzweifelt unter den Lehrgangswaffen ein passendes Exemplar. Aber da war man nur auf flachbrüstige Männer ausgerichtet und entsprechend mager fielen meine ersten Versuche beim Tontaubenschießen aus. Die kleinen Scheiben durften alle munter weiterfliegen.

Nachdem ich über Freunde eine Damenflinte leihweise bekommen hatte, ging es aber bergauf. Treffertechnisch zumindest.
Anders sah es mit meiner körperlichen Unversehrtheit aus. Wenn dein Ausbilder sagt, du sollst den Schaft fest an die Schulter ziehen, wird er schon *irgendeinen* Grund dafür haben...

Meinen Grund habe ich dann direkt zu spüren bekommen. Der Rückschlag sorgte für mein bislang größtes Hämatom. Und das ganz prominent mitten auf dem Busen.
Ich weiß nicht, ob man sich vorstellen kann, zu welch schillernden Farbspielen sich das in den nächsten Wochen entwickelt hat, da war wohl jeder mögliche Lilaton dabei, den es gibt.

tbc

Dienstag, 1. August 2017

Böses Kind

Vor einigen Jahren starb meine Mutter.

Ich bin mir sicher, dass andere Kinder nicht nur die Jahreszahl sondern auch den Tag nennen können, an denen ein Elternteil gestorben ist.

Ich kann es nicht.

Dabei war ich auf der Beerdigung, habe die Trauerrede gehört und bin mit zum Urnengrab gegangen. Und kam mir dabei wie ein unbeteiligter Zuschauer vor. Jemand, der zufällig in diese Gruppe aus trauernden Angehörigen geraten ist und alles mit macht, weil es zu auffällig wäre, wenn er jetzt gegangen wäre.

Ich kann mich nicht erinnern, welche Jahreszeit wir hatten und auch nicht, wie viele Tage vor der Beisetzung sie gestorben ist.

Wenige Wochen vor ihrem Tod habe ich sie einmal im Krankenhaus besucht und war erschrocken, wie krank und gebrechlich sie in ihrem Alter aussah. Lungenkrebs, dazu der Alkoholmissbrauch.
Ich bin lange nicht hingefahren, erst auf mehrmaliges Drängen der Verwandschaft, die nicht verstanden, warum meine Schwester und ich nicht zu ihr wollten. Und dann noch die Erzählungen, dass die Schwestern sich auch schon wundern würden... 
Eigentlich hätte ich gar nicht zu ihr gedurft, weil es feste Besuchszeiten gab, von denen ich nichts wusste und die ich daher natürlich verpasst hatte.
Auf Grund der schlechten Prognose kam ich doch noch in ihr Zimmer und wir konnten uns 10 Minuten unterhalten, bevor sie ermüdet wieder einschlief. Nach dem anschließenden Gespräch mit ihrem Arzt bin ich wieder gefahren. Dieser meinte im Gespräch mit meiner Schwester, dass ich sehr geschockt gewirkt hätte. Dem würde ich nicht zustimmen, aber ich empfand tiefes Mitleid für meine Mutter. Die Frau, von der ich mich in den letzten Jahren versucht hatte abzuschirmen. Weil ich bei jedem Gespräch das Gefühl hatte, dass sie an meiner Seele zehrt und zerrt, mich Schuld beladen zurück lässt. Wie ich immer Schuld hatte und zurück bleiben musste - wortwörtlich.

Vermutlich hat mir meine Schwester oder eine Tante vom Tod meiner Mutter erzählt und dass ich dringend zu ihrer Wohnung kommen müsse, um die bürokratischen Dinge zu erledigen.

Ich habe nicht getrauert oder geweint, weder an diesem, noch an einem der folgenden Tage.

Dem Treffen mit Menschen, die wirklich um sie trauern, habe ich mit Angst entgegen gesehen und war froh, dass eine Freundin mich begleitet hat. Surreale Situation, wenn man die Wohnung der Mutter räumt, in der ich an diesem Tag zum zweiten Mal in diesem Leben war. Es war von Beginn an klar, dass ich keine Erinnerungsstücke wollte, auch meine Schwester lehnte jedes Angebot der Onkel und Tanten ab. Keine Ahnung, welchen Eindruck dass auf die Verwandschaft machte, die sich in den letzten Monaten um meine Mutter gekümmert hatte. Meine Schwester hatte schon alle Formulare vorbereitet und übernahm auch die Koordination der Beerdigung. Sie ist eine der wenigen Menschen, die wissen, warum ich körperlich davor zurück geschreckt bin, daran beteiligt zu sein. Mein Fluchtreflex in diesem Moment war enorm hoch. Weg - einfach nur weg.

Einer meiner Onkel war erst kürzlich zum Prädikanten ernannt worden und sprach die Grabrede. Ich kann mich an keinen einzigen Satz erinnern, aber etwas anderes ist mir absurd im Gedächtnis geblieben.
Durch das Fenster in der Kapelle fiel ein breiter Sonnenstrahl auf die Urne, wie ein Scheinwerferlicht. Und dieser Strahl schien von dem Firmenschild der gegenüberliegenden Häuserfront zu kommen. Eine Bierwerbung. Während der gesamten Trauerzeremonie musste ich mich stark konzentrieren, um nicht hysterisch zu lachen. So etwas bei der Beerdigung einer alkoholabhängigen Frau. Und da sage einer, das Schicksal verstehe nichts von Ironie.

Meine Schwester und ich hatten geplant direkt nach der Beerdigung wieder nach Hause zu fahren, aber die Geschwister wollten noch einen Beerdigungskaffee organisieren. Ich habe eigentlich nur als Zuschauer dabei gesessen und gewartet, dass der korrekte Zeitpunkt kommt, an dem ich aufstehen und wegfahren konnte.
Bis ein Onkel wahrlich onkelhaft zu meiner Schwester und mir meinte, dass wir uns auf jeden Fall bei ihm melden sollten, falls wir Hilfe benötigen sollten. Ich weiß nicht, wer von uns beiden fassungsloser war. Es war in diesem Moment sicher nicht sonderlich sympathisch, aber meine einzige Antwort war, dass er uns diese Hilfe besser angeboten hätte, als wir noch mit unserem Stiefvater zusammenleben mussten und er wusste, dass Hilfe da überlebensnotwendig gewesen wäre.
Das war ein Treffer

Ich habe nicht getrauert oder geweint, weder an diesem, noch an einem der folgenden Tage.

Es hat etwas gedauert, bis ich wusste warum. Ich hatte schon getrauert und geweint, Jahre zuvor, als sie für uns nicht mehr als Mutter existierte, uns ausgeliefert hatte, als Waise neben ihr leben ließ.
Meine Mutter war schon lange vorher tot