Donnerstag, 31. August 2017

Ade Vater

Nach dem Wochenende bei meinem Vater schwirrte mir der Kopf und meine Ersatzeltern M. und N. meinten später, ich sei ihnen völlig verstört vorgekommen. Diese Außenwahrnehmung stimmte wohl mit dem überein, was ich gefühlt habe.

Im nachhinein weiß ich, dass ich mir selber viel mehr (wohl viel zu viel) von diesem Besuch erhofft hatte. Dummes Kind
Jemanden, der mich anlächelt, mich in die Arme nimmt und leise "Endlich bist Du da" sagt. Der mir sagt, dass er so lange auf mich gewartet hat, der eine Erklärung dafür hat, warum er sich nie gemeldet hat (egal wie gut die Erklärung auch gewesen wäre). Jemand, der mir verspricht, dass ich ab jetzt auch einen Vater haben werde, der auf mich aufpasst und mich beschützt.

Tja

So war es nicht. 

Und so würde es auch nie sein.


Der Brief, den ich im Anschluss an dieses Wochenende an meinen Vater geschrieben habe, sollte ihm all das erzählen, was ich an den zwei vergangenen Tagen nicht erzählen konnte.
Was bislang in meinem Leben geschehen war
Was ich mir erhoffte
Was ich für meine Zukunft geplant hatte
Und warum ich mich nicht früher gemeldet hatte (Sein Vorwurf an mich, als wir uns unterhielten).

12 Seiten handgeschriebene Sehnsucht und Verzweiflung. Eine Kopie habe ich noch und habe sie noch einmal gelesen vor ein paar Jahren. Mit Erstaunen, wie kindlich meine Ausdrucksweise von Seite zu Seite wurde, meine Handschrift sich änderte und wie viel Hoffnung ich verstecken konnte.

Auf diesen Brief gab es keine Antwort. Es folgten noch ein paar Telefonate, fast nur zwischen G. und mir. Aber ich wusste ja, dass mein Vater geschäftlich stark eingespannt war und auch viel ins Ausland musste. Ausreden fanden sich, besser als da schon sagen zu müssen: Er will mich nicht.

Trotzdem hätte ich mich gefreut, wenn er sich auch einmal gemeldet hätte und so beschloss ich, dieses Mal auf seinen Anruf zu warten und nicht diejenige zu sein, die den *Kontakt* aufrecht erhielt. 

Ein halbes Jahr später hatte sich niemand gemeldet und so rief ich wieder an.
Telefonnummer existierte nicht mehr.
Auf Briefe bekam ich keine Reaktion.

Also bin ich ein zweites Mal in den Zug gestiegen und fuhr zu seiner Adresse, unangemeldet. 

Am Klingelschild ein anderer Name und ein Nachbar erzählte, dass die früheren Eigentümer verzogen seien.

Da stand ich nun und wusste nicht weiter. Bis mir einfiel, dass meine Halbschwester ja auch in dieser Straße wohnen sollte. Nach ein paar Fehlversuchen habe ich sie auch gefunden und klingelte.
Und dann stehe ich im Wind auf der Straße und erfahre über die Sprechanlage, dass mein Vater in die Schweiz gezogen ist. Mehr kann sie mir nicht sagen. *Klick* und die Sprechanlage ist wieder still.

Ein paar Wochen später erhalte ich von einem Rechtsanwalt ein Angebot meines Vaters, in dem er mir anbietet, mein Erbe vorzeitig auszuzahlen (abzüglich dieses oder jenes Betrags blabla)
Ich hatte ihn nie wegen Geld angesprochen oder das Thema auch nur erwähnt
Verstanden habe ich: Wenn das Finanzielle erledigt ist, ist keinerlei Kontakt mehr notwendig. Geh weg.
Das Angebot habe ich angenommen und meinen Vater nie wieder gesehen und auch nie wieder etwas von ihm gehört.


Kommentare:

  1. Schmerzhaft.
    ...
    Eigentlich kann man für deinen Post nicht die richtigen Worte finden, weil jedes Wort ungenügend erscheint. Trotzdem möchte ich versuchen, etwas zu schreiben. Bitte hab Nachsicht, sollten meine Formulierungen dir grob erscheinen: Das ist nicht meine Absicht und ich kann es gerade nicht besser.

    Ich hoffe, dass dir bewusst ist, dass die Entscheidung deines Vaters nicht dich als Menschen bewertet. Du bist nicht schuld daran, wie er sich dir gegenüber verhalten hat. Allerdings lassen sowohl sein Verhalten als auch seine Entscheidung in Bezug auf dich Rückschlüsse auf seinen Charakter zu. Und das sind, meiner Ansicht nach, keine guten.
    Einen Menschen, der sich dir gegenüber so verhält und sich dir gegenüber auf diese Art positioniert, brauchst du nicht in deinem Leben. Finde ich. Und wünsche dir im gleichen Atemzug Menschen, die dich wertschätzen.

    Danke, dass du das hier geteilt hast.

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  2. Liebes Muschelmädchen, bei Dir gehe ich immer von Wohlwollen und Sanftheit aus.
    Über das Schreiben kann ich solche Erinnerungen auch anders einordnen. Und hoffe, dass ich objektiv genug bleibe. Denn ändern kann ich es nicht und mein jetziges Leben sollen sie nicht mehr belasten.
    Lieben Dank für Deinen Kommentar!

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