Samstag, 5. August 2017

Erst dann gemerkt

Einer der Gründe für diesen Blog ist mein schlechtes Gedächtnis. Ernsthaft, ich finde es teilweise erstaunlich, was ich alles nicht mehr weiß.

Das fängt mit so profanen Dingen wie meiner Schulzeit an (weder Einschulung, Grundschule, Gymnasium, noch Abi-Feier sind mir irgendwie im Gedächtnis geblieben), betrifft den ersten Sex genauso, wie den ersten ONS (und das liegt, glaube ich, nicht an den Jungs) oder auch diverse Seminare oder Kurse an der Uni.

Und dann gibt es Erinnerungen, die aus all dem grauen Vergessennebel herausleuchten, die ich vor meinem inneren Auge in Slow Motion ablaufen lassen kann. Sekunde für Sekunde. Bild für Bild. Und noch wichtiger: Gefühl für Gefühl

Ich stehe mit einigen Freunden nach einem Seminar vor dem Gebäude in der warmen Sonne und genieße die entspannte Zeit. 


Im nächsten Moment muss ich ausgesehen haben, als hätte mir gerade jemand ein Messer in den Rücken gestoßen. 
Komplette Verteidigungs- und Fluchtbereitschaft.

Und das nur, weil mir jemand die Hand sacht auf den Rücken, auf meine Haare gelegt hatte. Es ist so schwer zu beschreiben, welcher Schreck das war, wie bedroht und gleichzeitig wehrlos mich diese einfache Berührung gemacht hat.

Mein Gesichtsausdruck muss entsprechend gewesen sein, denn der entsprechende Kommilitone war nun selber erschrocken und beeilte sich zu versichern, dass er nur meine Haare einmal anfassen wollte, weil sie in der Sonne so gestrahlt hätten. Und Reiner war der aller-, allerfriedlichste Mensch, den man sich denken konnte. Mit sich selbst im Reinen und stets entspannt, jemand, dem man sofort nur Gutes zutraut (völlig zu Recht übrigens). Daher tat mir meine Reaktion auch so leid. Und ich fing an zu überlegen, warum dieser simple Berührungsreiz eine derart starke Reaktion hervor gebracht hatte.
An Reiner lag es nicht, in seiner Gegenwart habe ich mich vorher und auch nachher immer entspannt gefühlt.
Berührungen war ich gewohnt, auch intime

Bis mir klar wurde, dass es daran gelegen haben muss, dass es einer der wenigen Momente gewesen ist, in denen ich nicht alles im Auge hatte. Nicht auf alles gefasst war, nicht in Anspannung war. Ständige Alarmbereitschaft war mir schon so zur Gewohnheit geworden, dass das Gegenteil zur Ausnahme wurde. Und mich diese Berührung unvorbereitet traf

Kommentare:

  1. halten sie alles fest, was ihnen einfällt..das befreit...später..

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    1. Sie haben das treffend formuliert. Es befreit wirklich, weil ich das Gefühl habe, dass ich durch die schriftliche Formulierung mehr *Macht* über meine Erinnerung bekomme.

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  2. Ich wünsche dir noch ganz viel mehr MOmente, in denen du nicht unter Anspannung stehst, sondern entspannt und gelöst bist....

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    1. Nachdem ich mein Leben ziemlich radikal geändert habe, werden es immer mehr solcher Momente. Es ist beinah ungehörig gut, wohin mich das gebracht hat. Auch wenn es nicht immer gut ist ;-)

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