Nach dieser Nacht änderte sich offiziell nicht so viel.
Nur in mir wurde eine Frage immer größer, die ich niemanden stellen konnte.
War ich wirklich so schlecht, so fehlerhaft, wie mein Stiefvater gesagt hatte?
Wäre ich in einer anderen, moderneren, Umgebung aufgewachsen, wäre das vermutlich kein Problem gewesen, weil ich um mich herum erlebt hätte, dass das völlig normal war.
Jetzt stammte meine Mutter aber aus einem Elternhaus, dass aus religiöser Überzeugung kinderreich war und sie sehr konservativ erzogen hatte. Als sie während der Ausbildung im Ausland schwanger wurde, brachen die Eltern sofort jeglichen Kontakt ab und erschienen auch nicht zur Hochzeit mit dem Vater meiner Schwester.
Mein Stiefvater war etwa 20 Jahre älter als meine Mutter und hatte eine erzkatholische Erziehung genossen. Hinzu kam eine auffällige Vorliebe für junge Frauen, die sich ihm intellektuell oder körperlich nicht gewachsen fühlten.
Er hatte eine ganz eigene Art seine Stärke und Macht zu demonstrieren, so dass zwei kleine Mädchen alles taten, um nicht seine Aufmerksamkeit zu erregen.
Es gab Pucki, einen zahmen Kanarienvogel, der so viel Vertrauen hatte, dass er sich auf die Hand nehmen ließ. Eines Abends nahm mein Stiefvater ihn in die Hand, während meine Mutter in der Küche das Abendessen vorbereitete. Er sah ihn an und sprach nur zu ihm, während wir daneben saßen. Und meinte, dass er als Vogel ja beinah so viel Krach machen würde, wie die beiden Mädchen und dass er das gar nicht mag.
Und dann brach er ihm mit dem Daumen das Genick. Ganz leise, ganz still, ganz entspannt.
Und egal welche Fehler ich ab da machte, ich hatte jedes Mal eine Heidenangst, dass mein Stiefvater es herausfindet, weil ich nicht wusste, was dann passieren würde.
Dabei erwartete er ja eigentlich, dass ich nur Fehler machte. Das ich nichts konnte, zu nichts zu gebrauchen war. Und das sagte er mir auch, immer und immer wieder, egal was ich machte und egal wer noch dabei war.
Und ich habe es geglaubt. Denn es gab nichts, was ich konnte. War immer die Schlechteste, machte Fehler, traute mich kaum noch irgendetwas zu tun. Hätte man in der ersten Klasse sitzen bleiben können, hätte ich die Ehrenrunde gedreht.
Und dann bin ich auf den ersten von vier Menschen gestoßen, bei dem ich denke, dass ich unverdient Riesenglück hatte. Lotto spielen brauche ich nicht mehr, meinen Anteil am Glück habe ich mit diesen Menschen mehr als gehabt.
Nach einem unserer vielen Umzüge bekam ich eine neue Lehrerin, Frau Lehmann. Und aus irgendeinem Grund glaubte sie an dieses ungelenke, unsympathische und nicht besonders intelligente Mädchen. Zeigte offen ihre Sympathie und ermutigte mich, nahm mich mit zu sich nach Hause und war diejenige, die mir die Fluchtmöglichkeit in die Welt der Bücher zeigte. Nachdem ich endlich Lesen nicht nur gelernt sondern auch lieben gelernt hatte, ging es plötzlich auch in der Schule bergauf.
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