Dienstag, 1. August 2017

Böses Kind

Vor einigen Jahren starb meine Mutter.

Ich bin mir sicher, dass andere Kinder nicht nur die Jahreszahl sondern auch den Tag nennen können, an denen ein Elternteil gestorben ist.

Ich kann es nicht.

Dabei war ich auf der Beerdigung, habe die Trauerrede gehört und bin mit zum Urnengrab gegangen. Und kam mir dabei wie ein unbeteiligter Zuschauer vor. Jemand, der zufällig in diese Gruppe aus trauernden Angehörigen geraten ist und alles mit macht, weil es zu auffällig wäre, wenn er jetzt gegangen wäre.

Ich kann mich nicht erinnern, welche Jahreszeit wir hatten und auch nicht, wie viele Tage vor der Beisetzung sie gestorben ist.

Wenige Wochen vor ihrem Tod habe ich sie einmal im Krankenhaus besucht und war erschrocken, wie krank und gebrechlich sie in ihrem Alter aussah. Lungenkrebs, dazu der Alkoholmissbrauch.
Ich bin lange nicht hingefahren, erst auf mehrmaliges Drängen der Verwandschaft, die nicht verstanden, warum meine Schwester und ich nicht zu ihr wollten. Und dann noch die Erzählungen, dass die Schwestern sich auch schon wundern würden... 
Eigentlich hätte ich gar nicht zu ihr gedurft, weil es feste Besuchszeiten gab, von denen ich nichts wusste und die ich daher natürlich verpasst hatte.
Auf Grund der schlechten Prognose kam ich doch noch in ihr Zimmer und wir konnten uns 10 Minuten unterhalten, bevor sie ermüdet wieder einschlief. Nach dem anschließenden Gespräch mit ihrem Arzt bin ich wieder gefahren. Dieser meinte im Gespräch mit meiner Schwester, dass ich sehr geschockt gewirkt hätte. Dem würde ich nicht zustimmen, aber ich empfand tiefes Mitleid für meine Mutter. Die Frau, von der ich mich in den letzten Jahren versucht hatte abzuschirmen. Weil ich bei jedem Gespräch das Gefühl hatte, dass sie an meiner Seele zehrt und zerrt, mich Schuld beladen zurück lässt. Wie ich immer Schuld hatte und zurück bleiben musste - wortwörtlich.

Vermutlich hat mir meine Schwester oder eine Tante vom Tod meiner Mutter erzählt und dass ich dringend zu ihrer Wohnung kommen müsse, um die bürokratischen Dinge zu erledigen.

Ich habe nicht getrauert oder geweint, weder an diesem, noch an einem der folgenden Tage.

Dem Treffen mit Menschen, die wirklich um sie trauern, habe ich mit Angst entgegen gesehen und war froh, dass eine Freundin mich begleitet hat. Surreale Situation, wenn man die Wohnung der Mutter räumt, in der ich an diesem Tag zum zweiten Mal in diesem Leben war. Es war von Beginn an klar, dass ich keine Erinnerungsstücke wollte, auch meine Schwester lehnte jedes Angebot der Onkel und Tanten ab. Keine Ahnung, welchen Eindruck dass auf die Verwandschaft machte, die sich in den letzten Monaten um meine Mutter gekümmert hatte. Meine Schwester hatte schon alle Formulare vorbereitet und übernahm auch die Koordination der Beerdigung. Sie ist eine der wenigen Menschen, die wissen, warum ich körperlich davor zurück geschreckt bin, daran beteiligt zu sein. Mein Fluchtreflex in diesem Moment war enorm hoch. Weg - einfach nur weg.

Einer meiner Onkel war erst kürzlich zum Prädikanten ernannt worden und sprach die Grabrede. Ich kann mich an keinen einzigen Satz erinnern, aber etwas anderes ist mir absurd im Gedächtnis geblieben.
Durch das Fenster in der Kapelle fiel ein breiter Sonnenstrahl auf die Urne, wie ein Scheinwerferlicht. Und dieser Strahl schien von dem Firmenschild der gegenüberliegenden Häuserfront zu kommen. Eine Bierwerbung. Während der gesamten Trauerzeremonie musste ich mich stark konzentrieren, um nicht hysterisch zu lachen. So etwas bei der Beerdigung einer alkoholabhängigen Frau. Und da sage einer, das Schicksal verstehe nichts von Ironie.

Meine Schwester und ich hatten geplant direkt nach der Beerdigung wieder nach Hause zu fahren, aber die Geschwister wollten noch einen Beerdigungskaffee organisieren. Ich habe eigentlich nur als Zuschauer dabei gesessen und gewartet, dass der korrekte Zeitpunkt kommt, an dem ich aufstehen und wegfahren konnte.
Bis ein Onkel wahrlich onkelhaft zu meiner Schwester und mir meinte, dass wir uns auf jeden Fall bei ihm melden sollten, falls wir Hilfe benötigen sollten. Ich weiß nicht, wer von uns beiden fassungsloser war. Es war in diesem Moment sicher nicht sonderlich sympathisch, aber meine einzige Antwort war, dass er uns diese Hilfe besser angeboten hätte, als wir noch mit unserem Stiefvater zusammenleben mussten und er wusste, dass Hilfe da überlebensnotwendig gewesen wäre.
Das war ein Treffer

Ich habe nicht getrauert oder geweint, weder an diesem, noch an einem der folgenden Tage.

Es hat etwas gedauert, bis ich wusste warum. Ich hatte schon getrauert und geweint, Jahre zuvor, als sie für uns nicht mehr als Mutter existierte, uns ausgeliefert hatte, als Waise neben ihr leben ließ.
Meine Mutter war schon lange vorher tot

Kommentare:

  1. Ich wünschte mir fast, ich hätte den Mut gehabt, ähnlich zu reagieren, wie du es deinem Onkel gegenüber getan hast. Phasenweise hätte ich jedem sehenden Bekannten ins Gesicht schlagen mögen, der ernsthaft "Wie geht es dir?" gefragt hat. Nun ja...diese Phase ist zum Glück vorbei. Machste dir ja keine Freunde mit. Aber für Smalltalk bin ich definitiv nicht geeignet. ;)

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  2. Hallo Anna, im ersten Moment war es die richtige Antwort. Im nach hinein hätte ich mir gewünscht, ich hätte es sanfter sagen können. Gleiche Botschaft, aber nicht so, als hätte ich ihm einen Faustschlag mitten in den Bauch verpasst.
    Das war eines von zwei Malen in meinem Leben, dass ich bewusst verbal zugeschlagen habe. Bei beiden Gelegenheiten war ich später nicht besonders zufrieden mit mir.
    Aber in den Momenten fühlte ich mich immer emotional in die Ecke gedrängt, da war dann auch einen höfliche Lüge nicht mehr möglich.
    Zugesehen und Vermutungen angestellt haben früher vermutlich noch mehr Menschen. Als Du schriebst, dass man Dich gefragt hat, wie es Dir geht, ist mir erst aufgefallen, dass mich dass früher niemand gefragt hat.
    Vermutlich, weil sie es schon gewusst haben

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    1. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, diesen Wunsch, andere nicht zu verletzen. Mir ging es lange Zeit ähnlich. Zu lange. Das hat sich erst mit ca. Mitte 30 gelegt. Nicht ganz freiwillig. Da kommt dieses "emotional in die Ecke gedrängt" ins Spiel. Jetzt, mit Mitte 40 pendelt es sich endlich wieder ein. Du tust mir nicht weh, ich tu dir nicht weh (aber ich kann auch ganz anders, wenn es sein muss).

      Dein Post u. dein Kommentar lassen die Gedanken ordentlich wirbeln. Würde gerne noch was dazu schreiben, aber mir fehlen gerade die richtigen Worte, um...ähm... das alles in Worte zu fassen. :(

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  3. Ich bin noch nicht so lange in der Bloggerwelt unterwegs. Aber es ist mir schon ein paar Mal passiert, dass ich (ungewollt) länger über Themen nachgedacht habe, die dort angesprochen wurden. Und mir fehlten leider oft die richtigen Worte. Vielleicht liegt es am Medium, dass einem Bilder in den Kopf setzt.

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